Ernst Papanek wurde am 20. August 1900 in Wien geboren. Er war der Sohn eines jüdischen Händlers und einer jüdischen Schneidergehilfin. Inwiefern das Judentum für ihn wichtig war, kann man aus den vorliegenden Unterlagen nicht schließen. Die Politik war immer wichtig für Papanek. Er gehörte später zu jenen IndividualpsychologInnen, von denen mit Sicherheit festgestellt werden konnte, dass sie Mitglieder der sozialdemokratischen Partei waren. Dies hatte er auch mit Alfred Adler gemein.
Papanek engagierte sich schon als Schüler in der Mittelschule in der sozialdemokratischen Bewegung und organisierte Spielgruppen für Kinder und Hilfsaktionen für alte Menschen. Bei diesen Aktivitäten lernte er seine spätere Frau, Helene Goldstern, kennen, ebenso Alexandra Adler. Über sie kam er erstmals in Kontakt mit der Individualpsychologie. Im Alter von 18 Jahren wurde er aufgrund seiner politischen Aktivitäten das erste Mal verhaftet.
Papanek entschied sich früh für den Beruf des Pädagogen, so wurde er mit 19 Jahren Lehrer und nur etwas später „Erziehungsdirektor“ in dem von Eugenie Schwarzwald gegründeten Landerziehungsheim Harthof. Parallel dazu studierte er ab dem Wintersemester 1919/1920 an der Universität Wien neben einigen Semestern Medizin auch Psychologie, Philosophie, Geschichte und Soziologie. Von 1925 bis 1927 widmete er sich ebendort seinem Studium der Pädagogik. Ein starker und unmittelbarer Wissensdurst, immer in Kombination mit einem beeindruckenden Tatendrang, kann als kennzeichnend für den beruflichen Werdegang Papaneks und eigentlich sein ganzes Leben ausgemacht werden.
Er arbeitete im Studium als Organisator in Kindergärten, war Berater im Amt für Wohlfahrtswesen und soziale Verwaltung des Wiener Magistrats und beteiligte sich aktiv an der Schulreformbewegung von Otto Glöckel. Von 1932 bis 1934 war er Gemeinderat im 12. Bezirk in Wien.
Nach den Februarkämpfen 1934 flüchtete Papanek in die Tschechoslowakei, wo er sich im Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokraten (ALÖS) engagierte. Bis 1939 war er unter dem Decknamen Ernst Pek der RSJ-Vertreter (Revolutionäre Sozialistische Jugend) in der Exekutive der Sozialistischen Jugendinternationale (SJI). Eine ausgedehnte Reisetätigkeit während der Jahre 1937 bis 1940 führte ihn zu politischen Arbeitstreffen in zahlreiche europäische Städte.
Neben der Politik blieb Papanek die Pädagogik ein Anliegen. Von 1936 bis 1938 gab er die in drei Sprachen erscheinende „Internationale pädagogische Information“ in Zusammenarbeit mit dem Völkerbund in Genf in London, Paris und Prag heraus.
1939 flüchtet er mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen über getrennte Wege nach Paris. In Montmorency, einige Kilometer nördlich von Paris, leitete er im Auftrag des Œuvre de Secours aux Enfants (OSE), einer jüdischen Hilfsorganisation, Heime für meist jüdische Flüchtlingskinder. Bis 1940 trug er als Generaldirektor von elf Kinderheimen Verantwortung für 16.000 Flüchtlingskinder aus ganz Europa. Dafür änderte Papanek seinen Plan, rasch von Frankreich weiter in die USA zu reisen, ab und blieb bis zur Kapitulation Frankreichs für diese Kinder aktiv. Es war ihm ein Anliegen, ihnen eine Gemeinschaft zu bieten, und er zeigte sich dabei in der pädagogischen Betreuung aktiv.
Nach der Kapitulation Frankreichs flüchtete Papanek, bedroht durch einen Haftbefehl, nach Montintin, einem kleinen Gut bei Limoge. Da kein amerikanisches Schiff die Erlaubnis hatte, in Frankreich zu landen, musste er mit seiner Familie nach Lissabon flüchten. Die französische Untergrundbewegung half aktiv mit und plante den Fluchtweg nach Portugal. Papanek verfügte als Mitglied der sozialdemokratischen Auslandsvertretung über wesentlich besser vernetzte Strukturen als jene IndividualpsychologInnen, die nicht in der Sozialdemokratie aktiv waren.
Von Lissabon aus konnte die Familie mit Unterstützung des Jewish Labour Committee und nur nach einer persönlichen Intervention von Eleanor Roosevelt nach New York flüchten. In New York versuchte Papanek, Einreisevisa für die Kinder der OSE-Kinderheime zu bekommen. Trotz der zögerlichen Haltung der USA gelang es ihm, etwa 240 Kinder in Sicherheit zu bringen. Für 69 Kinder kam die Hilfe zu spät. Sie starben im Vernichtungslager Auschwitz.
In Amerika machte Papanek kein Hehl aus seiner politischen Gesinnung. Er war Mitglied der American Socialist Party und der Leage of Industrial Democracy und Gründungsmitglied des Austrian Labour Committee. Letzteres versuchte für das Selbstbestimmungsrecht Österreichs einzutreten und stellte dabei die Tätigkeit monarchistischer Bewegungen infrage. Ab 1956 war Papanek Vorstandsmitglied der American Socialist Party, die er später bei der Sozialistischen Internationale vertrat.
Es scheint mir auf der Hand zu liegen, dass Papanek seine politischen und auch gesellschaftlichen Taten und Aktivitäten immer durch die Aneignung von Theorien im Rahmen von Studien zu untermauern, zu verbessern, zu erweitern und zu bestätigen suchte. 1943 erlangte er ein Master’s Degree for Social Work, 1958 promovierte er mit einer Arbeit über die Wiener Schulreform an der Columbia University. Er fand immer Zeit, für Österreich da zu sein – so organisierte er Hilfslieferungen über die Organisation Associated Austrian Relief.
Von 1943 an setzte sich Papanek für amerikanische Kinder ebenso wie für Kinder mit Fluchtschicksalen oder Kinder im Nachkriegseuropa im Rahmen leitender Tätigkeiten in verschiedensten Institutionen ein. In den Jahren 1959 bis 1971 war Papanek Professor für Pädagogik am Queens College der New York University. 1967 nahm er eine Gastprofessur in Hiroshima in Japan an.
Papanek publizierte viel zu psychologischen und pädagogischen Themen. In seinem Buch zur „Austrian School Reform“ (1962) schreibt er über die Glöckel’sche Schulreform. Er fokussiert dabei auf die 20 Jahre zwischen den Weltkriegen. Kern der damaligen Reform war die Schaffung einer Schule, die für alle Konfessionen gleich war, sowie die Demokratisierung des Schulwesens. Zentral in der Schule positionierte Glöckel erstmals die PädagogInnen.1
Papanek war weiters Mitglied zahlreicher pädagogischer und medizinisch-psychologischer Gesellschaften, wie der American Federation of College Teachers, der Association for Psychiatric Treatment of Offenders, der American Association of Workers for Maladjusted Children, einer Organisation, die er von 1959 bis 1970 bei der UNO vertrat, und etlichen anderen.
Er engagierte sich in New York auch im Rahmen der Individualpsychologischen Vereinigung, deren stellvertretender Leiter er ab 1946 für lange Zeit war.
Ernst Papanek starb am 5. August 1973 während eines Aufenthalts in Wien. Das Begräbnis fand am 2. Oktober 1973 statt. Bestattet ist Papanek in der Feuerhalle Simmering, Abteilung 5, Gruppe 8, Nr. 175. Er liegt nicht in einem Ehrengrab. 1978 wurde er Namenspatron für den Ernst-Papanek-Hof im 15. Wiener Gemeindebezirk (Ecke Grimmgasse 15/Ölweingasse 21–23). Im Hausflur findet sich eine Gedenktafel.
Im Jahr 2015 wurde das Buch „Ernst Papanek – Pädagogische und therapeutische Arbeit: Kinder mit Verfolgungs-, Flucht- und Exilerfahrungen während der NS-Zeit“2 herausgebracht, in dem seine bedeutendsten Arbeiten auf Deutsch analysiert werden.3
Verfasst von Hadya Nassan-Agha-Schroll
Quellenangaben:
1 Vgl. o.A. (2017): Glöckels Schulreform. URL: http://www.roteswien.at/content/rote%20Stichwoerter/gloeckels%20schulreform.htm. Online abgerufen am 24. Juni 2017.
2 Vgl. Hansen-Schaberg, I./Papanek, H./Rühl-Nawabi, G. (Hg.) (2015). Ernst Papanek – Pädagogische und therapeutische Arbeit: Kinder mit Verfolgungs-, Flucht- und Exilerfahrungen während der NS-Zeit. Wien: Böhlau.
3 Vgl. außerdem a.A. (2017): Ernst Papanek. In: Wien Geschichte Wiki. URL: http://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Ernst_Papanek. Online abgerufen am 24. Juni 2017; vgl.
Kenner, C. (2007). Der zerrissene Himmel. Emigration und Exil der Wiener Individualpsychologie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 166-171.
Literaturverzeichnis:
- Hansen-Schaberg, I./Papanek, H./Rühl-Nawabi, G. (Hg.) (2015). Ernst Papanek – Pädagogische und therapeutische Arbeit: Kinder mit Verfolgungs-, Flucht- und Exilerfahrungen während der NS-Zeit. Wien: Böhlau.
- Kenner, C. (2007). Der zerrissene Himmel. Emigration und Exil der Wiener Individualpsychologie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 166-171.
- o.A. (2017): Ernst Papanek. In: Wien Geschichte Wiki. URL: http://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Ernst_Papanek. Online abgerufen am 24. Juni 2017.
- o.A. (2017): Glöckels Schulreform. URL: http://www.rotes-wien.at/content/rote%20Stichwoerter/gloeckels%20schulreform.htm. Online abgerufen am 24. Juni 2017.